Zur Kunst der Heide Khatschaturian

Von Ilona Lewin

(anlässlich der Ausstellung ‚Kunst in der Beratungsstelle, Gutenberguniversität, Mainz, 2003)

Heide Khatschaturian begann ihre künstlerische Entwicklung als Keramikerin. (An der Hochschule für Gestaltung in Offenbach hörte sie Prof. Lore Kramer zu Glanz und Farbe.) In den siebziger Jahren entwickelte sie ihre keramischen Objekte hin zur freien Keramik und zur Skulptur. Beeindruckt von der Kunst der klassischen Moderne z.B. den Farbraumkörpern Gotthard Graubners und dem Schaffen Anton Tàpies, und dessen archaischen Umgang mit Texten und Materie, experimentierte sie in folgenden Jahren mit den unterschiedlichsten Materialien.Ihr Interesse für Stahl, Farbe und Farbschichtung führte sie nach Salzburg in die Sommerakademie zu dem Stahlbildhauer Prof. Alf Lechner und der römischen Bildhauerin Francesca Cataldi.

Hier zeigt Heide Khatschaturian Bildobjekte und einige bildhauerische Arbeiten – Holz- und Metallskulpturen.Fundstücke haben sie zu diesen Arbeiten inspiriert. Sie findet Materialien für die Kunst auf Reisen; ebenso wie vor der eigenen Haustür. Sie arbeitet sich entlang an in der Außenwelt Vorgefundenem und greift dessen Struktur auf. Aus unterschiedlichen Ländern, den verschiedensten Landschaften, Architekturen oder Ruinen oder auch schon mal vom Schrottplatz, bringt sie Dinge in ihr Atelier: Alte Druckplatten, Schablonen (z.B. die einer Entstaubungsanlage aus der Ukraine), Schrott, Eisenteile, Fotografien und Fotomontagen, von irgendjemand weggeworfene Architekturzeichnungen, etwas kostbares Blattgold, Folien, italienische Teerpappe, Stoffe, Schleiernessel, Reste einer Inschrift für ein Bühnenbild, Holz aus dem Atlantik und der Ostsee und einen 200 Jahre alten Dachbalken aus einem Haus in der Toskana aus dem Ort in dem Dante lebte.Eine Holzskulptur ist daraus entstanden, eine sensible Arbeit. Feine von der Künstlerin hinein gegebene Kupferein-schlüsse in den Rissen, nicht geglättet, bearbeitet mit Respekt für die Skulpturen einer langen 200 Jahre alten wechselhaften Geschichte.

Die Eisenskulpturen entstanden aus Eisenschrott, dessen schon bestehende Form bzw. Verformung sie beim Bearbeiten, bewusst als das was ihr entgegen kommt, das Andere respektierte. Es ist ein Kennzeichen Heide Khatschaturian, dass sie in ihren Arbeiten den Charakter der Dinge achtet – und das aufnimmt, was sie ihr anbieten.

So wie Herr Palomar, einer Figur aus dem gleichnamigen Buch des Schriftstellers Italo Calvino. Er übt sich im Betrachten der Dinge dieser Welt und stellt dabei fest, dass seine Möglichkeiten die Dinge der Welt zu betrachten, allein nicht ausreichen…die Dinge selbst müssen an diesem Geschehen mitwirken. „Aus dem stummen Haufen der Dinge muss etwas kommen; ein Zeichen, ein Anruf, ein Wink." (Ein Ding tritt aus der Masse der Dinge hervor um etwas zu bedeuten…Aber was?)Calvino 1983 Heide Khatschaturian lässt sich von den Dingen anrufen, auffordern, sie vertraut auf die Dinge selbst. „Ich glaube," sagt Merleau-Ponty, „dass der Maler vom Universum durchdrungen werden und es nicht selbst durchdringen wollen muss…" (Merleau-Ponty 1984). Die Dinge sind schon da, sagt Heide Khatschaturian, man muss sie nur neu zusammenfügen. Wie geht sie dabei vor? Wie macht sie das?

Die ungrundierte Leinwand, der rohe Stoff, Karton, Druckplatten, italienische Teerpappe (die übrigens besonders gut sein soll), solche offenen Formen werden zu Trägern ihrer Arbeiten. Sie beginnt unterschiedliche Dinge und Materialien aufzuschichten – Schicht für Schicht, Lage für Lage, sehr bewusst – und Schicht um Schicht wird mit heißem Wachs bearbeitet, sodass sich das Wachs wie eine dünne Haut über die Schichten legt. Die Schichten verschmelzen miteinander, ein erotischer Prozess. Die entstehenden Bildelemente werden collagiert, überlagert, unterlegt, hinterblendet, freigestellt, geschnitten, gerissen. Die handwerklichen Verfahrensspuren sind Spuren „handfester Sinneslust". (SELLE 1991, 37) Im tastenden und suchenden Umgang mit dem Material zeigt sich dessen Verwandlungspotential. Ein besonderer Moment der Spannung entsteht wenn die Künstlerin Schichtungen herunterreißt – der Moment der Dekonstruktion, was ist dahinter, was bleibt, was wird sichtbar? Aus einer fragilen Oberfläche werden Teile wieder gelöst und darunter gelegene Schichten entdeckt. Zeichen erscheinen oder verschwinden, Formen und Farben haben sich verändert. Ich denke an Worte Beaudelaires: „Unzählige Schichten von Gedanken. Bildern und Gefühlen haben sich nacheinander leicht wie Licht übereinander gelegt. Jede schien die vorhergehenden unter sich zu begraben, aber keine ist wirklich untergegangen."

Die Dinge begegnen sich und entfalten sich im unerwarteten Zusammentreffen. Es entsteht eine Zusammensetzung auf neue Weise, die Raum für das Andere, das Fremde, das Ungewisse lässt.

Jede Sichtung ergibt: Durch Überlagerungen, Verwerfungen, Markierungen, Schnitte, Risse, Dekonstruktion. Neuzusammensetzung und Farbe, „verdichten" sich die Schichten und werden zugleich durch das Wachs zart wie Papyrus, „durchsichtig" gemacht. Die Dinge werden dadurch durchscheinend ohne wirklich sichtbar zu sein. Aber – was heißt „durchsichtig", wenn sich diese Arbeiten doch offensichtlich der direkten Aneignung durch das einfache Verständnis des Betrachters, also dem Gewohnheitsblick entgegenstemmen – Verbergen und gleichzeitig Aufzeigen?

Zwischen Gelingen und Scheitern, Entwickeln und Verwerfen erschafft Heide Khatschaturian Ihre dünnhäutigen Bildobjekte. Der Ausgang ist jeweils ungewiss und jedes Mal grandios riskiert.

Hin und wieder entstehen zwei Arbeiten die zusammengehören – ein Paar, „Jedes findet, dass es alleine nicht interessant genug sei", sagt Heide Khatschaturian, „es benötigt die Spannung, das Gegenüber, die Möglichkeit zum Dialog mit einem anderen Objekt."

Die Arbeitsweise der Künstlerin fördert zufällige Konstellationen, ähnlich den Veränderungen von Landschaften im Lauf der Zeit. In einigen Arbeiten vermeint man poetische Landschaften zu erkennen – Torbögen – einzelne Gesichter und Figuren – „Geheimnisvolles"…Verschlüsseltes, „als könne es geschehen", wenn du am wenigsten darauf gefasst bist, dass sich ein Spalt öffnet und eine andere Stadt zum Vorschein kommt, die im nächsten Augenblick wieder verschwunden ist." (Die unsichtbaren Städte, Calvino)

Auf anderen Bildobjekten erscheinen Buchstaben als Zeichen, die jedoch deutbar sind. Anarchisch trudelt das Vokabular über das Bild, manches an der Oberfläche – anderes in unteren Schichten. Hin und wieder denkt man an Hieroglyphen, assyrische Schriftzeichen, oder fossile Spuren. Es weht ein Atem von Zeit durch diese Bilder. Aber auch wenn die Assoziationen des Betrachters in der Zeit zurück weisen, geht es nicht um „alte" Bilder, sondern um „Querschnitte der Zeit" und „Denken von Gegenwart".

Als wir die Kunstwerke sichteten gab es noch keine Titel für die Bildobjekte. Inzwischen sind Titel entstanden. Auch das gehört zum prozesshaften Arbeiten Heide Khatschaturians. Dennoch die Bilder bleiben offen. Vielleicht könnte man sagen, dass „die Namen über (sie) hinweg laufen, ohne dass es (ihnen) je gelänge sie sich anzuheften". (Calvino, S. 28) Das Zwiegespräch, der Dialog zwischen der Künstlerin und seinem Gegenüber will gerade nicht nachvollzogen werden, sondern vom Bild ausgehend den Raum für Anderes öffnen. Der Betrachter ist auf sich gestellt. Ein neuer Dialog darf sich von hier entspinnen. Der eigene Kopf könnte zur Werkstatt werden, denn das Kunstwerken stellt gleichsam das in ihm enthaltene Material wieder zur Verfügung. Und Calvinos Herr Palomar, der es liebt nachzudenken und uns möglicherweise bis zu diesem Punkt gefolgt ist? Ist dies womöglich das wahre Ergebnis zu dem Herr Palomar gerade gelangt…die wahre Substanz der Welt jenseits der üblichen Sinnes- und Denkgewohnheiten zu erkennen? (Calvino, Herr Palomar, 13)